Samstag, 31. Januar 2015

Vom Gold- zum Schokorausch

Dunedin, die einstmals größte und reichste Stadt Neuseelands war unser nächstes Ziel auf der Rundreise. Wir hatten eine Backpacker Unterkunft mit einer sehr guten Bewertung in der Nähe von Port Chalmers, einer vorgelagerten großen Hafenstadt in der riesigen Naturbucht "Otago Harbour", an deren Ende Dunedin liegt, gebucht. Im BBH-Prospekt hieß es, man solle sich auf eine steile Anfahrt gefasst machen und würde, wenn man diese bewältigt habe, ein Zertifikat bekommen.
 
Wir fahren also die enge Küstenstraße hinter Port Chalmers entlang und kommen an kleinen Buchten vorbei. In der vierten Bucht weist uns ein Schild den Weg hinauf über eine tatsächlich steile Schotterpiste. Ich nehme Anlauf und bugsiere unser immerhin mit drei Menschen und Gepäck für ein halbes Jahr beladenes Auto senkrecht bergan. Die Räder drehen teilweise durch, doch das Gefährt bewegt sich Meter um Meter hinauf. Geschafft, oben angekommen, sehen wir ein einsames unscheinbares Haus, das unbewohnt erscheint. Wir umfahren es und parken schließlich auf einem freien Platz davor. Wir umlaufen es und finden schließlich die Eingangstür. Im Fenster steht ein Schild, welches uns willkommen heißt. Wir finden dort auch unsere Namen und ein paar Gummistiefel für regnerische Tage. Die Tür ist offen. Wir treten ein und finden uns in einer Art ausgebautem Schafstall wieder, der mit netten alten Möbeln und einem Kamin ausgestattet ist. Weiter geht's durch eine große Schwingtür in die geräumige und saubere Küche und dahinter durch einen Gang zu den Zimmern und Baderäumen. An unserem Dreibettzimmer hängt wiederum ein Schild mit unseren Namen. Der Blick aus dem Fenster auf die Bucht ist atemberaubend. Gerade fährt ein riesiger Tanker Richtung Hafen. Gut, dass wir vorher eingekauft haben, denn hier gibt es weit und breit nichts. Willkommen bei Billy Browns:-)

Aramoana Strand
Gelbaugenpinguin
Später kommen noch vier weitere Gäste und der Besitzer, Billy Brown, um cash die Gebühren zu kassieren, uns die Urkunde auszuhändigen und ein Schwätzchen mit uns zu halten. Er empfiehlt uns auch, am Abend noch bis zum Ende der Landzunge zu fahren und am Strand Ausschau nach Gelbaugenpinguinen zu halten. Diese besondere Spezies der Pinguine ist mit einer Gesamtpopulation von ca. 4.800 Tieren vom Aussterben bedroht und wird in den Regionen, wo sie brüten besonders geschützt. Mit 16 Grad ist es hier eher kühl und die Wolken sind unberechenbar. Mal sieht es nach Regen aus, mal nach einem schönen Sonnenuntergang. Wir bereiten uns eine leckere vegetarische Pie zu, verzehren sie und machen uns dann auf den Weg zum Aramoana (Weg des Meeres) Strand, dem Einfallstor zum Otago Harbour. Die Dämmerung setzt ein und außer uns sind noch ein paar Surfer und sechs weitere Menschen am langen Strand unterwegs. Wir sammeln schöne Muscheldeckel, die ich später zu Schmuck verarbeiten werde und lungern ein wenig um ein paar riesiges Felsbröcke herum. Wie aus dem Nichts, lässt sich auf einmal vor unseren Augen ein einsamer Gelbaugenpinguin von einer Welle an den Strand spülen, steht auf, schaut sich um und watschelt langsam aber zielstrebig Richtung Düne und dahinterliegender steiler Felswand. Völlig fasziniert schauen wir diesem etwa 60 cm großen Artgenossen hinterher. Oben auf der Düne angekommen, schaut er sich noch einmal um und verschwindet dann aus unserem Blickfeld. Wir warten noch auf weitere Exemplare, doch weit gefehlt. Mittlerweile wissen wir, welches Glück wir hatten, dass wir überhaupt einen zu Gesicht bekommen haben.

Otago Harbour
Der nächste Tag - es ist Samstag und Markttag in Dunedin - ist einer der wenigen strahlenden Sonnentage in der zweitsüdlichsten Großstadt der Welt (rund 120.000 Einwohner). Wir schlendern zunächst über den wunderbaren Wochenmarkt und lassen uns dazu hinreißen 1 Kilo Boysenberries - eine Mischung aus Him- und Brombeeren - zu kaufen. Billy empfahl uns den Besuch der Otago Pensinsula und erklärte uns die Punkte, die wir anschauen sollten. Das Larnach Castle, das einzige Schloss in Neuseeland, sparen wir uns, denn davon gibt es in Europa genug und zudem schönere. Wir sind an der einzigen Festlandkolonie der Königsalbatrosse, an Seebären und Pinguinen interessiert und fahren bis an die Spitze der Halbinsel. Leider müssen wir feststellen, dass clevere Farmer das touristische Interesse an den zuvor genannten Tieren zu barer Münze machen, indem sie Geld dafür verlangen, dass man ihr Land nur innerhalb einer geführten Tour betritt. Anders kommt man an die Tiere nicht heran. Auf der anderen Seite ist das wohl auch der Segen für die Tiere. Denn so bleiben sie geschützt und bewacht und kommen zum Brüten wieder. Wir entscheiden uns aufgrund der hohen Gebühren gegen die Albatrosse und für Kormorane, Pinguine und Seebären-Babies.

Mit Nature Wonders Wildlife fahren wir in achträdigen Amphibien-Fahrzeugen, eingekleidet mit einem speziellen Dreckschutzmantel durch die Prärie. Erster Halt ist auf einem Hügel, von dem man die ganze Halbinsel überblickt. Von da aus fahren wir an eine Steilküste, an der Kormorane ihre Jungvögel aufziehen. Weil es hier so steil ist, müssen die Jungen schnell das Fliegen lernen. Auch eine Methode, damit Kinder flügge werden;-) Die nächste Station ist eine Seebären-Kolonie mit einem Planschbecken für Seebären-Babies. Manche dieser sehr jungen Tiere sehen so aus, als wären sie erst ein paar Stunden alt. Wir können uns kaum loseisen von dem Anblick der herumtollenden Tiere. Doch unser Guide lockt einen nach dem anderen in einen verlassenen Bunker. Und dort hockt, scheinbar völlig unbeeindruckt von der menschlichen Beobachtung ein kleiner blauer Zwergpinguin. Der letzte Stopp ist oberhalb eines einsamen Strandes. Vor 13 Jahren hat das letzte Mal ein menschlicher Fuß diesen Strand betreten. Seitdem ist er Naturschutzgebiet und Brutstätte für Gelbaugen- und Zwergpinguine. Eine Art Brettertunnel führt uns näher an die Brutstätten an den Hängen des Strandes. Zum Hang hin sind einige verschlossene Fenster in den Tunnel eingelassen. Eins wird für uns geöffnet und es schaut uns neugierig ein in seinem Nest liegender Zwergpinguin entgegen. Er bewacht ein Küken und ist scheinbar für ein wenig Abwechslung dankbar, denn als das Fenster wieder geschlossen werden soll, mag er seinen Schnabel nicht einziehen. Später sehen Anna und ich noch einen Gelbaugenpinguin in der "Flugsandbucht" eine steile Düne hinaufwatscheln. Überwältigt und beeindruckt sinken wir bei Billy Browns in die nostalgischen Sessel und hören noch ein paar alte Schallplatten bevor unsere Betten rufen.





Baldwin Street
Am nächsten Tag steht die Weiterfahrt zu den nahegelegenen Catlins an. Doch zuvor wollen wir uns Dunedin anschauen. Heute ist wahrscheinlich der heißeste Tag in dieser Region in diesem Sommer. Die Sonne strahlt uns von einem makellos blauen Himmel entgegen und das Thermometer klettert schnell über 25 Grad. Wir fahren zunächst zur Baldwin Street, die es als steilste Straße der Welt ins Guiness Buch der Weltrekorde geschafft hat, und laufen diese hoch und runter. Die Straße wurde mit Betonplatten gepflastert, da Asphalt wegen des starken Gefälles (35 %) abrutschen würde. Wir können uns so gerade auf den Füßen halten.

Bahnhof in Dunedin
Anschließend parken wir auf einer geraden Straße in der Innenstadt und erkunden diese zu Fuß. Neben dem meistfotografierten Gebäude Neuseelands, dem im flämischen Stil erbauten Bahnhof, sind das Octagon, ein Platz im Zentrum, und das Universitätsgebäude die bekanntesten Sehenswürdigkeiten. Seinen Reichtum hatte Dunedin in seiner Blütezeit zwischen 1861 - dem ersten Goldfund und dem folgenden Otago-Goldrausch - und der Jahundertwende. 1869 wurde die University of Otago, als die erste Universität Neuseelands ebenfalls in Dunedin gegründet. Der erste Studienjahrgang startete 1871 mit nur drei Professoren und 81 Studenten. Als allererste Universität im gesamten Britischen Empire wurden auch Frauen zu allen Fächern zugelassen. Wir geben uns statt dem Gold- dem Schokorausch hin und besuchen die Schokoladenproduktion bei Cadbury - quasi die englischsprachige Alternative zu Milka. Der Eingang sieht eher nach einer Goldmine aus, da dort jede Menge Schokoriegel in goldener Verpackung aufgehäuft sind. Weil Sonntag ist und die Produktion stillsteht, schauen wir uns nur das kleine Schokoladenmuseum an, das im Vergleich zum Stollwerk-Schokomuseum in Köln winzig erscheint, und erhalten mit der Eintrittskarte pro Person auch noch eine Variation des Schokoriegel-Angebots. Mit dieser Wegzehrung bewaffnet treten wir den Weg in die absolute Einsamkeit, in die Catlins an. Doch davon mehr im nächsten Post.


Montag, 26. Januar 2015

Risse im Paradies

Die bisherigen Blogeinträge vermitteln eventuell den Eindruck, dass wir ein halbes Jahr im Paradies leben. Das ist zwar größtenteils korrekt, da wir uns natürlich in erster Linie mit den schönen und angenehmen Seiten beschäftigen. Doch warum gibt es hier eigentlich so wunderbare Landschaften, Seen, Flüsse und eine enorme Vielfalt in der Natur? Weil Neuseeland nicht nur auf dem bereits berichteten Feuerring liegt, sondern sich die Pazifische und die Australische Platte unter der Südinsel aneinander reiben. Und das führt immer wieder mal dazu, dass die Erde wackelt, bebt und neue Landschaften entstehen. Wir haben glücklicherweise bisher nur einen kleinen Erdstoß in Wellington erlebt und sind auch nicht scharf darauf, ein richtiges Erdbeben mitzubekommen.

Gerade vor drei Wochen hat es im Hinterland von Christchurch heftig gewackelt, ohne allerdings spürbare Schäden zu verursachen, da das Epizentrum im ländlichen Gebiet lag. Viel schlimmer hat es die Innenstadt von Christchurch vor fast genau vier Jahren getroffen. Am 22. Februar 2011 um 12:51 Uhr Ortszeit wurde die bis dahin zweitgrößte Stadt Neuseelands vom zweitstärksten gemessenen Erdbeben (6,3 MW = Momenten-Magnituden-Skala) inmitten des Stadtzentrums völlig unerwartet getroffen. Das stärkste Erdbeben (7,1 MW) traf die Region um Darfield (45 km westlich von Christchurch) am 4. September 2010, also ganz in der Nähe und nur ein halbes Jahr zuvor. Die Zerstörungskraft dieses Bebens hatte Christchurch bereits empfindlich getroffen und man war noch bei Aufräumarbeiten und Neuaufbau als die Erde diesen Aktionen ein jähes Ende bereitete. Das Beben fand in einer verdeckten und bisher nicht bekannten Verwerfung mit Ost-West-Ausrichtung statt. In dieser Verwerfung entstand nach ersten Erkenntnissen ein rund 10 km langer Bruch, lediglich 9 km vom Zentrum der Stadt entfernt. Das Hauptbeben dauerte etwa 25 Sekunden, mit einem ersten weiteren Nachbeben rund 2 Minuten später.

185 Personen starben infolge des Erdbebens, darunter befanden sich auch Staatsangehörige aus mindestens 14 weiteren Ländern. Da einige menschliche Überreste schwer zu identifizieren waren und ein Abgleich mit den registrierten Vermisstenfällen vorgenommen werden musste, wurde die endgültige Opferzahl erst etwa ein Jahr nach dem Erdbeben veröffentlicht.

Die Folgen dieses schweren Bebens sind auch vier Jahre nach der Katastrophe noch sehr deutlich sichtbar. Wir verbachten Silvester in Christchurch und kamen am 31.12.2014 das erste Mal nach acht Jahren - bei unserem letzten Besuch hier war die Stadt noch intakt - wieder in die einst lebendige Studentenstadt. Nähert man sich über die Außenbezirke dem Innenstadtbereich, kann man kaum glauben, dass hier ein Erdbeben stattgefunden haben soll. Alles wirkt wie einst. Doch sobald man sich dem CBD (City Business District) nähert, tauchen wellige Straßen, Baustellen, Kräne, riesige Freiflächen, leerstehende Gebäude und Warnschilder auf. Wir kannten uns damals in Christchurch ganz gut aus. Bei unserem jetzigen Besuch erkannten wir nichts mehr wieder. Selbst Einheimische finden sich hier nicht mehr zurecht. 70.000 Bewohner haben die Stadt verlassen, weil ihre Häuser nicht mehr bewohnbar sind oder sie mit den traumatischen Folgen des Bebens nicht klarkommen.

Es ist ruhig geworden in Christchurch. Als wir letzten Samstag erneut nach Christchurch fuhren, um unsere Nichte Anna am Sonntag zum Flughafen zu bringen, verbrachten wir den Abend in der Innenstadt. Ein paar Bars und Restaurant geben ihr Bestes mit ausgefallenen Locations oder einem außergewöhnlichen Angebot an Speisen und Getränken, doch die Straßen wirken trotz Hochsaison leer und verlassen. Der Platz um die Canterbury-Church, einst das Wahrzeichen der Stadt, jetzt eine Wahrzeichen-Ruine, zieht noch ein paar Touristen an, die wie wir Fotos davon machen.

Auf der anderen Seite entstehen interessante Projekte, wie beispielsweise "Re:start", eine Shopping Mall, die aus bunten Containern entstanden ist und einen eigenen Charme hat. Überhaupt wird mit Kunst- und Eventaktionen versucht, der Stadt neues Leben einzuhauchen. In einem Ladenlokal liegt ein riesiger Haufen bunter Legosteine, jeder wird aufgefordert am Neuaufbau der Stadt mitzuwirken und eigene Ideen einzubringen.


Wir besuchten am Neujahrstag "Quake City", eine Ausstellung, die sich mit dem Erdbeben und den Folgen beschäftigt. Es war beklemmend und ermutigend zugleich: Beklemmend, weil in Form von Interviews Einzelschicksale verdeutlicht werden und schreckliche Bilder von Rissen, Schlammlöchern und zerstörten Häusern sowie Live-Videos von Überwachungskameras das Ausmaß dieser Naturkatastrophe demonstrieren. Ermutigend, weil die Einstellung vorherrscht, es ist ein Neuanfang, der vieles ermöglicht, was sonst nicht machbar gewesen wäre. Das ist auch ein gutes Motto für das neue Jahr: Eine schwere Krise* ist ein Neuanfang, der eine Chance beinhaltet. Unsere leichte Krise - unser Sonnenschein Anna hat uns verlassen;-) wird uns sicherlich auch auf neue Ideen bringen.

* Die Krise (Alt- und gelehrtes Griechisch κρίσις krísis ursprünglich ‚die Meinung‘, ‚Beurteilung‘,
‚Entscheidung‘, später mehr im Sinne von ‚die Zuspitzung‘) bezeichnet eine problematische, mit einem Wendepunkt verknüpfte Entscheidungssituation. (Quelle: Wikipedia)

Freitag, 23. Januar 2015

Willkommene Begegnung unter Wasser

Kaikoura, ein ursprünglich kleiner Fischerort, liegt rund 200 km nördlich von Christchurch an der Ostküste und ist vor allem durch seinen Ökotourismus geprägt. Vor der steinigen und felsigen Küste fällt der Festlandsockel schon nach 1,6 km steil ab und erreicht in dem Kaikoura-Canyon eine Tiefe von bis zu 1.600 m. Durch seine Tiefe und günstige Strömungsverhältnisse bildet er perfekte Bedingungen für maritimes Leben direkt vor der Küste.


Im Namen Kaikoura steckt schon ein Hinweis, der sich auf das maritime Essen bezieht: Kai bedeutet in der Sprache der Māori Essen/Mahl und Kōura Krebs/Languste. Und so gönnen wir uns natürlich auch ein halbes leckeres Krustentier an einer Imbissbude am Strand.

Die kleine Stadt mit rund 3.500 Einwohner hat sich fast gänzlich dem Ökotourismus verschrieben und rühmt sich, die erste Gemeindebehörde weltweit zu sein, die den Green Globe 21 (GG21) für nachhaltiges Wirtschaften des World Travel and Tourism Council (WTTC) bekommen hat. Neben der Fischerei (Langusten) und der Landwirtschaft stellt der Tourismus heute die wichtigste Einkommensquelle des Ortes dar. 22,1 % der jährlich anreisenden Touristen kommen von Übersee (Quelle: Wikipedia) um vor allem Wale zu sehen und mit Seehunden und Delfinen zu schwimmen. Auch Albatrosse, Seeelefanten und Seeleoparden sind hier zu finden, da in dieser Region vor der Küste ein Überangebot an Nahrung besteht.

2003 bei unserem ersten Besuch in Kaikoura hatten wir "Swimming with the Dolphins" und "Whale Watching" gebucht. Das unbeschreibliche Erlebnis mit Delfinen im offenen Meer zu schwimmen, hat sich tief in meinem Körper verankert und so wollte ich es dieses Mal unbedingt wiederholen, ungewiss, ob meine Erwartung enttäuscht oder übertroffen wird. Das Gefühl in einer von hohen Wellen hin und her geschaukelten Nußschale zu sitzen und darauf zu warten, dass ein Wal kurz auftaucht, Luft schnappt und uns seine Schwanzflosse zum Abschied kurz entgegenstreckt, muss ich hingegen nicht mehr haben. Die Erinnerung daran hat sich ebenfalls tief in meinem Körper verankert, jedoch nicht in positiver Hinsicht. Ich habe heute noch ein flaues Gefühl im Magen, wenn ich daran denke.

Schnell zurück zum positiven Erlebnis mit den Delfinen: Horst hat Probleme beim Schnorcheln und wollte dieses Mal auf das Schwimmen mit den Delfinen verzichten. Anna hingegen war sofort Feuer und Flamme. Wir hatten bereits vor Weihnachten beim einzigen Anbieter im Ort - Stichwort Ökotourismus - eine Uhrzeit am 30.12. angefragt. Dreimal am Tag fahren sie mit zwei Booten und ca. 20 Leuten pro Boot zu der Stelle, wo sich die Delfingruppen tummeln. Es zeigte sich, dass an diesem Tag nur noch Plätze um 5:30 Uhr - ich meine morgens! - frei waren. Und so standen wir also am vorletzten Tag des Jahres 2014 um 4:30 Uhr auf, packten unsere Bade- und warme Sachen in unsere Rucksäcke und fuhren zum Dolphin Encounter. Es war so neblig an diesem Morgen, dass man nur 100 m weit schauen konnte und wir waren neben der Müdigkeit auch ein wenig enttäuscht als wir dort ankamen. Die freundliche Dame am Empfang erklärte uns jedoch, dass wir die beste Zeit des Tages gewählt hätten, denn die Dusky Dolphins (Schwarzdelfine, lat. Lagenorhynchus obscurus) wären nachtaktive Jäger und würden nach gefülltem Magen am frühen Morgen ausgelassen miteinander spielen, Saltos schlagen und hätten viel Spaß an "menschlichen Fischen".

Wir wurden in zwei Gruppen eingeteilt und bekamen nach einer kurzen Einweisung unsere Outfits: Neoprenanzug mit Kapuze - macht bei 15 Grad Wassertemperatur durchaus Sinn -, Flossen und Taucherbrille mit Schnorchel. Diese zogen wir sofort an und probierten sie aus. Eingezwängt in den Anzug, Flossen und Schnorchelausrüstung in der Hand, Rucksack mit Handtuch und warmen Sachen am Rücken, saßen wir in einem Vorführraum, in dem uns ein Film zur Region und zu den Regeln im Boot und im Wasser gezeigt wurde. So ist die Hauptaussage bei diesem Event: Du triffst die Delfine in ihrer natürlichen Umgebung, respektiere diese und versuche nicht sie zu berühren. "The dolphins won't attract you, you have to attract them." Dusky Dolphins an der neuseeländischen Küste werden zwischen 165 und 200 cm groß und wiegen zwischen 60 und 90 kg, also menschliche Maße. Sie sind äußerst gesellig und sozial und leben in Gruppen, "pod" genannt, von 100 bis zu 1.000 Tieren, um u.a. auch besser jagen zu können. Mit ihren spektakulären Sprüngen, Salti und Backflips gehören sie zu den akrobatischsten ihrer Spezies.

Der Hinweis, dass es zwar windstill sei, die Strömung allerdings eine hohe Dünung veranlasse, führte dazu, dass ich bevor wir zunächst in den Bus und später ins Boot stiegen, noch eine Gingertablette und ein Super Pep Kaugummi gegen Übelkeit einschmiss. Rund eine Stunde hatte der Prozess der Einkleidung, Einweisung und Anfahrt gedauert, bis wir schließlich unser Boot bestiegen. Der Nebel hatte sich immer noch nicht gelichtet und so fuhren wir quasi ins Nichts und hofften, dass der Kapitän ein gutes Navigationsgerät hat. Das Meer war ein glatter Spiegel und so sichteten wir schon bald einen Albatross der vor sich hindümpelt und seine langen Flügel ausbreitete als wir uns näherten. Wie im Disney Film "Bernhard und Bianca" - die Älteren unter Euch werden sich erinnern;-) lief er zunächst mit seinen Watscheln über das Wasser bis er allmählich an Schwung und Höhe gewann. Sehr witzig.

Nach rund 15 min. Fahrt tauchten die ersten Delfine neben, hinter und vor uns auf. In der Tat vollführten sie tolle akrobatische Übungen und ließen uns vergessen, dass wir in einem schwankenden Boot saßen. Kurz darauf hielt das Boot an, wir wurden aufgefordert unsere Flossen und Schnorchelausrüstung anzulegen und uns über die Hecktreppe ins Wasser zu lassen. Anna war als eine der ersten im Wasser und da mit Taucherbrille im Gesicht, alle irgendwie gleich aussehen, war sie in unserer Tauchergruppe untergetaucht. Von der Crew bekamen wir die Anweisung "delfinartige Geräusche" von uns zu geben und wenn sie uns begegnen mit ihnen im Kreis zu schwimmen oder zu tauchen. Im Gegensatz zu meinem ersten Erlebnisschwimmen mit den Delfinen war es an diesem Tag fast unmöglich keinen Delfin anzutreffen. Ständig kam mir einer entgegen, schwamm unter mir durch oder tauchte auf einmal neben mir auf. Ich schwamm mit vielen im Kreis, traute mich allerdings nicht mit Schnorchel abzutauchen. Es war einfach großartig!

Nach 45 min. wurden wir aus dem Wasser gerufen, um wieder an Bord zu kommen. Dort gab es einen heißen Strahl Wasser in den Neoprenanzug, der uns aufwärmte und dann schnell raus aus den nassen Klamotten und warme Sachen anziehen, denn die Sonne hatte es immer noch nicht durch die Nebeldecke geschafft. Das Boot bewegte sich noch eine Weile durch den "pod", damit wir viele Fotos schießen konnten. Denjenigen Teilnehmern, die nur mitgegenkommen waren, um die Delfine zu sehen und nicht mit ihnen zu schwimmen, sah man an ihren blassen Gesichtern an, dass sie lieber sofort an Land gefahren wären. Den ein oder anderen Gingerkeks, der angeboten wurde, verdrückte ich allerdings auch noch und so konnte ich das lustige Treiben der Delfine genießen.

Gegen 9:30 Uhr kamen wir wieder an der Station an, wo Horst schon auf uns wartete. Er hatte in der Zwischenzeit unser Auto zur Inspektion gebracht. Wir genoßen ein leckeres Frühstück, gingen zum steinigen Strand und ließen uns von der mittlerweile durchdringenden Sonne gewärmt zu einem kleinen Vormittagsschlaf nieder. Im Traum lächelten mich Delfine an.

Dienstag, 20. Januar 2015

Alternatives Weihnachtsfest mit plattem Ausgang

Mit einer rund einmonatigen Verspätung kommt nun endlich auch der Bericht zu unseren Weihnachtstagen auf der Coromandel Halbinsel.

Die Coromandel Peninsula liegt auf der Nordinsel Neuseelands. Sie ist 85 Kilometer lang und 40 km breit, liegt an der Ostküste westlich der Bay of Plenty und grenzt den westlich liegenden Hauraki-Golf mit dem Firth of Thames teilweise vom Pazifik ab. Der Name stammt vom Handelsschiff HMS Coromandel (1820). Die Halbinsel ist sehr hügelig und größtenteils von subtropischem Regenwald bewachsen. Eine Bergkette steigt bis auf etwa 900 m auf und bildet das Rückgrat der Halbinsel. Sie ist sehr dünn besiedelt, was angesichts der Nähe zu Auckland verwundert. Nur fünf Orte haben mehr als tausend Einwohner (Coromandel, Whitianga, Thames, Tairua und Whangamata), nur Thames hat mehr als 5000 Einwohner. Coromandel ist beliebt bei Menschen mit alternativem Lebensstil, vor allem aus Auckland. Auch immer mehr reiche Leute aus der Großstadt siedeln sich hier an. Das führt leider zu exorbitant hohen Grundstückspreisen. Wir haben uns an der Flaxmill Bay mal den Preis für ein 900 qm großes Grundstück geben lassen: 720.000 NS$, das entspricht beim derzeitigen für uns schlechten Kurs etwa 500.000 Euro! In Hülle und Fülle blühen die wunderbaren Christmas Trees "Pohutukawa".

In Whitianga haben wir uns in einem Holiday Park eine schön eingerichtete "self-contained unit" für drei Tage geleistet und diese nach unserer Ankunft am Spätnachmittag des Heiligabend ein wenig mit Selbstgebasteltetem und Mitgebrachtem weihnachtlich dekoriert. Wir machten uns frisch und ein bisschen nett zurecht - dazu gehörte auch unser weihnachtlicher Kopfschmuck - und gingen mit einer Flasche Sekt und ein paar Cashewnüssen bewaffnet an den Strand. Viele Geschäfte und Restaurants hatten noch auf und jeder, der uns begegnete, bekam von uns ein Merry Christmas mit auf den Weg. Am Strand prosteten wir uns zu und wünschten uns schöne Weihnachten, doch zunächst sind diese schönen Fotos entstanden:


Leicht angedudelt machten wir uns in der Dämmerung auf den Rückweg und kochten noch ein paar simple Nudeln mit Tomatensoße.

Der Weihnachtsmorgen, der einzige Tag an dem in Neuseeland tatsächlich alles geschlossen ist, startete mit einem ausgedehnten Frühstück und der Geschenkeverteilung. Diese fiel angesichts unseres "großen halbjährigen Geschenks" zwar mager, dafür aber sehr neuseeländisch aus: ein Kiwi-T-Shirt für Horst, eine Kiwi-Pouch fürs iPhone für Christiane und ein Plüsch-Kiwi und Kiwi-Socken für Anna. Jetzt war es an der Zeit via Skype mit der Heimat Kontakt aufzunehmen, um mit den Daheimgebliebenen den Heiligabend in Deutschland bzw. Österreich zu begehen. Wenngleich es nicht mit allen gleich gut funktionierte, hatten wir unseren Spaß und konnten uns gegenseitig - in die winterliche Kälte und in die sommerliche Wärme - einen schönen Weihnachtsgruß übermitteln.

Während sich der Heiligabend in Deutschland dem Ende zuneigte, überlegten wir, was wir mit dem angebrochenen Tag anfangen sollten. Wir entschieden uns für eine Tour mit dem Auto zum Hot Water Beach, einer Thermalquelle an der Ostküste. Hier tritt direkt am Strand Wasser mit 64 °C aus zwei Quellen aus, die bei Ebbe etwa zwei Stunden lang zugänglich sind. Wir hatten uns über die Gezeiten keine Gedanken gemacht und kamen natürlich bei Flut an dem kleinen Strand an. Zahlreiche Besucher hatten sich Schaufeln besorgt und versuchten bereits, über den Quellen Kuhlen auszuheben, so dass sie sich im sammelnden, warmen Wasser baden können. Natürlich brachte das bei Flut gar nichts, denn sie buddelten viel zu weit oben am Strand. Wir genossen ein wenig das bunte Treiben und beschlossen dann, nicht mehr auf die Ebbe zu warten, sondern weiter zur Cathedral Cove zu fahren. Zu diesem Zeitpunkt kamen uns für neuseeländische Verhältnisse Scharen von Menschen entgegen, alle mit Picknick-Korb und Schaufel bewaffnet, um ein ausgiebiges Weihnachtsfest im Strandpool zu genießen.

Die Cathedral Cove ist ein abgelegener Strandabschnitt der großartigen Mercury Bay und nur über einen 45-minütigen steilen Fußweg zu erreichen. Horst hatte nach einem Ausrutscher bei einer Wanderung Probleme mit einer Hüfte und zog es vor am glitzernd weißen Sandstrand der Mercury Bay auf Anna und mich zu warten. Also machten wir uns auf den Weg und waren verwundert, wie viele asiatische und indische Familien uns entgegenkamen. An diesem Tag, an dem alle Küchen und Supermärkte geschlossen sind, lässt sich erkennen, wie viele Menschen aus anderen Ländern tatsächlich im Hintergrund arbeiten. Und natürlich sind auch wieder viele deutsche Touristen unterwegs. Wir ließen uns von den Massen jedoch nicht abschrecken und waren von der Cathedral Cove begeistert. Mittlerweile hatte sich das Wasser soweit zurückgezogen, dass wir durch die riesige "Kathedrale" hindurch in eine andere Bucht gehen konnten. So haben wir wenigstens am Weihnachtstag auch eine Kirche besucht.

Am Abend bereiteten wir in unserer gut ausgestatteten Küche ein richtiges Festmahl zu: Spinat-Ricotta-Lasagne und zum Dessert in Schokolade getauchte frische Erdbeeren, Bananen und Ananas. Yummy! Dazu gab es für Horst und mich einen leckeren neuseeländischen Weißwein und für Anna ein Bier.

Am Boxing Day, dem zweiten Weihnachtsfeiertag, haben bereits die meisten Geschäfte wieder geöffnet, denn es ist Hochsaison und wer will sich das Geschäft mit den einheimischen und internationalen Touristen schon entgehen lassen. Wir nahmen die kleine Fußgängerfähre um auf eine Landzunge zu kommen, die mit dem Auto nur über einen riesigen Umweg zu erreichen ist, und wanderten entlang der Küste, vorbei an einer Traumbucht nach der anderen. Hier fanden wir auch das Traumgrundstück zum Traumpreis. Schließlich kamen wir zur Cooks Bay. Dieser 3 km lange Sandstrand rühmt sich mit einer der ältesten Entdeckungsgeschichten Neuseelands. Nicht nur James Cook segelte mit der HMS Endeavour in die Mercury Bay um 1769 am Cooks Beach vor Anker zu gehen, auch Kupe, der mysthische polynesische Entdecker wählte diesen Platz, als er das erste Mal in Neuseeland landete und dem Land den Namen Aotearoa - das Land unter der langen weißen Wolke - gab. Wir landeten in dem kleinen Ort Cooks Beach in einem Fish'n'Chips Shop, wo wir leckeren frischen Fisch mit einer riesigen Portion Pommes verschlangen. Ansonsten hätte zumindest ich den Rückweg ohne Verpflegung kaum überstanden.

Am nächsten Tag ging es über den Bergrücken der Coromandel Peninsula - Schotterstraße - zur kurvenreiche Westküste der Halbinsel, an der Küstenstraße entlang zu unserem nächsten Halt nach Napier, wo wir Lena und Katrin vom Tongariro Crossing abends wiedertreffen wollten. Auf halber Strecke dorthin und genau am Tag unseres Bergfests hier sah es allerdings so aus, als würde uns unser Auto einen Strich durch die Rechnung machen. Als wir in Taupo tanken mussten, entdeckten wir einen platten Reifen. Wie praktisch dachten wir, an der Tankstelle wird es ja wohl irgend Jemanden geben, der uns helfen kann. Pustekuchen. Was nun? Es war Samstagnachmittag und zwischen Weihnachten und Neujahr haben sowieso viele Werkstätten und Reifenhändler geschlossen. Glücklicherweise hatten wir unsere ADAC Mitgliedschaft direkt nach dem Erwerb unseres Autos in eine AA Mitgliedschaft übertragen lassen, sodass wir nun deren Hilfe in Anspruch nehmen konnten. Nachdem sich Horst durch die endlosen Schleifen der automatischen Anrufentgegennahme gequält hatte, drang endlich eine echte menschliche Stimme an sein Ohr, mit der er sich vernünftig unterhalten konnte. Die nette Dame fragte nach unserem Standort und versprach, dass nach spätestens einer Stunde ein Mechaniker vor Ort sei.

Durch unseren mittlerweile dreimonatigen Aufenthalt hier und dem Vertrauen darin, dass sich alles finden würde, waren wir so gechillt, dass ich zunächst einmal unseren Liegestuhl auspackte und picknickte. Während Horst auf Hilfe wartete, nutzten Anna und ich die Zeit zum Lebensmitteleinkauf. Und als wir zurückkamen, war der schmale Ersatzreifen - sieht fast aus, wie ein Motorradreifen - fast schon montiert. Der freundliche Mechaniker versicherte uns, dass wir ruhig einige Kilometer damit fahren könnten, allerdings auf gar keinen Fall schneller als 80 km/h. Da wir am Sonntag einen Platz auf der Fähre von Wellington nach Picton gebucht hatten, mussten wir dann also wohl oder übel rund 500 km im Zockeltempo von max. 75 km/h zurücklegen. Doch zunächst musste der kaputte Reifen samt Felge noch einen Platz in unserem überfüllten Frachtschiff finden.

Später trafen wir uns tatsächlich mit Katrin und Lena in Napier und genossen zumindest noch ein gemeinsames Abendessen. Am nächsten Morgen brachen wir sehr früh auf, sodass wir trotz langsamer Fahrt unsere Fähre um 14 Uhr erreichten und glücklich in Picton landeten. Am Montagmorgen standen wir beim einzigen Reifenhändler der Stadt auf der Matte. Er hatte tatsächlich die Reifengröße, die wir benötigten und ließ ohne viele Worte zu verlieren seine bisherige Arbeit stehen und liegen um uns den neuen Reifen aufzuziehen. Nur rund 65 Euro hat uns die ganze Aktion gekostet. Was für ein tolles verspätetes Weihnachtsgeschenk!

Freitag, 16. Januar 2015

Tena koutou katoa - Hello everyone

Ka mate, ka mate
Ka ora, ka ora
Ka mate, ka mate
Ka ora, ka ora
Tēnei te tangata pūhuruhuru
Nāna nei i tiki mai whakawhiti te rā
Ā upane, ka upane
Ā upane, ka upane
Whiti te rā, hī!

Nein, wir haben keinen Sonnenstich und das ist weder englisch rückwärts gesprochen noch frei erfundenes Kauderwelsch. Das ist ein Text in der Sprache der Maori, der Ureinwohner Neuseelands. Glücklicherweise sind die Maori hier voll integriert und man unterrichtet in den Schulen sogar ihre Sprache. Auch wir haben uns ein paar Brocken angeeignet, um die Orts- und Straßennamen, die weitestgehend nach der bildreichen Sprache der Maori benannt sind, zu verstehen. So bedeutet beispielsweise "Waiheke", die Straße in der wir unser erstes Übergangsheim hatten, "vom Wasser herabsteigend". Und in der Tat kam hinter dem Meeresstrand eine Düne, auf der unser Haus stand und von dort ging die Straße leicht bergab.


Bei unseren bisherigen Neuseeland-Aufenthalten haben wir uns mehr für die Natur interessiert und wenig Gelegenheiten genutzt, uns mit den historisch-kulturellen Aspekten des Landes auseinanderzusetzen. Jetzt, wo wir mehr Zeit und Muße haben, wollen wir mehr darüber wissen. Einen guten ersten Einblick bekamen wir im Museum "Te Papa" (Der Ort wo alles begann) in Wellington. Dieses interaktive und spannende Museum haben wir nun schon viermal besucht und finden immer wieder neue Aspekte, die wir zuvor nicht beachtet hatten. Wie alle öffentlichen Museen in Neuseeland ist auch dieses gebührenfrei.

Treaty of Waitangi
Die wohl wichtigste Grundlage für die frühe Integration und Gleichberechtigung der Maori ist der Vertrag von Waitangi; die älteste Verfassungsurkunde Neuseelands wurde am 6. Februar 1840 zwischen den "Pākehā" (weiße Siedler) in Form eines Vertreters der Britischen Krone und den wichtigsten Maori Stammeshäuptlingen geschlossen. Wie bei uns der Tag der Deutschen Einheit ist hier der 6. Februar ein nationaler Feiertag.

Marae - Versammlungshaus
Nach wie vor haben die Maori Tribes (Stämme), die in verschiedenen Regionen über das ganze Land verteilt sind. Immer wieder sieht man am Wegesrand ihre zum Teil mit tollen Schnitzereien verzierten Marae (Versammlungshäuser) oder liest an touristischen Hotspots, dass diese ausschließlich von Maori betrieben werden, da sie sich auf ihrem Land befinden, wie etwa die Waitomo Caves (Wai = Wasser, Tomo = Höhle). Auch im Gebiet rund um Rotorua finden sich viele Maoristämme. Wir haben das Dorf Whakarewarewa besucht um uns bei einer offiziellen Führung das Leben dort erklären zu lassen, einer kulturellen Darbietung beigewohnt und das typische Maori-Essen gekostet.

Zu Beginn der Führung werden wir mit einem Harae mai (Welcome) begrüßt und dem Hongi (Nase-Stirn-Begrüßung) vertraut gemacht. "WH" wird wie ein "F" ausgesprochen und ansonsten entspricht die Aussprache der Buchstaben unserer deutschen Sprache. Das macht es uns leicht den vollen Namen des Dorfes nachzusprechen: Te Whakarewarewatanga O Te Ope Taua A Wahiao (The gathering place for the war parties of Wahiao). Interessanterweise gab es in der jüngeren Vergangenheit viele starke weibliche Häuptlinge des Stammes, da auch die Maori-Männer bei den Weltkriegen eingezogen wurden und häufig lange oder gar nicht nach Neuseeland zurückkehrten. Einigen der Damen ist am Eingang zum Dorf eine Tafel mit Beschreibung gewidmet.

Durch einen großen Rundbogen betreten wir das Dorf über eine Brücke. Im Fluss der darunter durchfließt baden Kinder und verlangen nach Coins. Es ist wohl eine alte Tradition, dass jeder der über die Brücke kommt, ein paar Cents in den Fluß schmeißt, nach denen die Kinder tauchen. Mich beschleicht dabei ein mulmiges Gefühl und ich verzichte darauf, denn es erinnert mich an dressierte Hunde, die für Futter Männchen machen. Andererseits scheinen die Kinder wirklich Spaß daran zu haben. Jenseits der Brücke tauchen wir in eine andere Welt ein. Es raucht und dampft hinter jedem Häuschen, es riecht nach Schwefel und man hört es hier und da blubbern und zischen. Rund 35 Bewohner leben noch im Dorf und alle die hier arbeiten, haben ihre Wurzeln in Whakarewarewa. Natürlich sind inzwischen viele Maori mit Pakeha-Blut durchmischt und sie leben und arbeiten in Großstädten. Doch viele wahren die Rituale und Bräuche ihrer Vorfahren, sodass sie auch heute noch präsent sind.

Hangi - Erdofen
Wir erfahren, dass die Maori in diesem geothermalen Dorf seit 1.000 Jahren und wahrscheinlich auch noch in 1.000 Jahren von natürlichen Energiequellen profitieren. Im Winter haben sie Hütten über dem von Natur aus warmen Boden bezogen - also eine natürliche Fußbodenheizung - und im Sommer sind sie in Hütten mit kühlem Untergrund an den Rand des schattigen Waldes gesiedelt. Heute bleiben sie natürlich in moderneren Bauten im Dorf. Das warme Essen wird nach wie vor im Erdofen (Hangi) zubereitet. In Kisten mit Deckel, die auf der Erde stehen und keinen Boden, sondern einen Erdhitze durchlässigen Gitterrost haben, stehen Blechbüchsen. In diesen Blechbüchsen ist eine normale Plastiktüte, die etwa mit Gemüse, Kartoffeln und Fleisch gefüllt ist. Es kann allerdings auch ein Kuchenteig darin sein. Stellt man morgens, bevor man zur Arbeit geht, sein Gericht dort rein, ist es mittags schon oder abends fertig ohne verkocht zu sein. Tolle Sache und richtig lecker!

Heiße Quellen sorgen für warmes Wasser zum Baden oder auch zum Kochen. So probieren wir beispielsweise einen Maiskolben, der in einer Thermalquelle gekocht wurde: Yummy! Natürlich gibt es auch jede Menge Souvenir- und Kunsthandwerkshops, Kräuter- und Gemüsegärten und das obligatorische Versammlungshaus, das allerdings für die Öffentlichkeit nicht zugänglich ist. Wir sehen, durch einen Zaun vom Nachbardorf getrennt, noch zwei Geysire, die sich gerade um die Wette in die Höhe steigern und beenden unsere Führung mit einer Demonstration die zeigt, wie aufwändig es ist aus einzelnen Flachsblättern Bestandteile einer Kleidung zu machen.

Da es schon relativ spät am Nachmittag ist, nutzen wir den nächsten Tag um uns eine kulturelle Darbietung im Dorf anzuschauen. Die wichtigsten Tänze und Gebräuche der Maori werden uns in der typischen Tracht dargeboten. Was hier nicht fehlen darf, ist der Haka, der Kriegstanz der Maori, den auch die Spieler der "All Blacks" Rubgy-Union-Nationalmannschaft vor jedem Spiel demonstrieren. Den Text findet ihr zu Beginn dieses Beitrags und wer das einmal live miterlebt hat, fühlt sich danach tatsächlich ein wenig eingeschüchtert. Wir haben zum Abschied ein aufmunterndes, freundliches Lied mit den besten Wünschen für eine gute Reise mitbekommen. Bis jetzt hat es gewirkt.

Ja, Whakarewarewa ist natürlich ein Maori-Dorf, das als Open-Air-Bühne für den Tourismus hergerichtet ist. Und dennoch haben wir den Eindruck, dass die Darsteller dieser Inszenierung gerne in die Rollen ihrer Vorfahren schlüpfen.