Sonntag, 11. Januar 2015

Heiße Füße

Heiße Füße bekamen wir im ältesten Nationalpark Neuseelands - und dass nicht nur vom 19,4 km langen Tongariro Alpine Crossing - eine der schönsten Tageswanderungen weltweit - sondern auch von dem heißen Geröll, das wir in einer einzigartigen Vulkanlandschaft überquert haben.


Es war  Samstag und Tag eins unserer dreiwöchigen Rundreise, als wir gegen Nachmittag in Turangi - südlichster Zipfel des Lake Taupo - im Extreme Backpacker ankamen. Wir hatten diese Unterkunft gewählt, weil man dort auch kurzfristig direkt den Shuttle zum Einstieg in das Tongariro Crossing buchen konnte. Die Wettervorhersage für den Sonntag sah nicht rosig aus und so machte es fast den Anschein, als ob auch unser zweiter Anlauf - wir wollten die Wanderung bei unserem ersten Neuseelandaufenthalt in 2003 schon einmal machen, sie wurde wegen schlechten Wetters abgesagt - fehlschlagen würde. Dieses Mal ließen wir uns allerdings nicht so leicht unterkriegen und beschlossen spontan, eine weitere Nacht anzuhängen und abzuwarten, wie das Wetter am Montag würde. Erleichtert wurde uns die Entscheidung durch die begeisterten Berichte einiger Backpacker, die bereits die Wanderung am Samstag hinter sich hatten, und zwei Mädchen in Annas Alter, die uns am Montag begleiten wollten.

Also ließen wir den Sonntag gemütlich mit einem 2-stündigen Warmlaufen um einen kleineren Vulkansee und einem anschließend Bad in einem Hotpool - heißes mineralisiertes Quellwasser - angehen. Am Abend erfuhren wir, dass an diesem Tag sowieso alle Wanderungen im Vulkangebiet abgesagt wurden, da das Wetter zu schlecht und ein Tourist am Samstag ums Leben gekommen war. Überall wird auf die schnell wechselnden Wetterbedingungen und die daraus resultierenden Gefahren sowie auf die passende Ausrüstung und Verpflegung hingewiesen. Doch leider haben auch wir Touristen gesehen, die scheinbar meinen, dass es sich bei dieser Wanderung um einen Spaziergang handeln würde.

Montagmorgen um 4:30 Uhr klingelte der Wecker, denn wir hatten den ersten Busshuttle um 5:30 Uhr gebucht. Das Wetter in Turangi sah bedeckt aus und uns kamen schon leichte Zweifel, ob wir den richtigen Tag für unsere Tour gewählt hatten. Auf der einstündigen Fahrt in den Nationalpark fing es dann teilweise auch noch an zu regnen. Doch unsere rustikale Busfahrerin meinte, der Wind käme von Westen und würde die Wolken vertreiben. Auf 1.100 m wurden wir am Carpark mit gefühlten 10.000 weiteren Touristen auf den 19,4 km langen Weg durch das Gebiet von zwei aktiven Vulkanen geschickt, dem 2.287 m hohen Mount Ngauruhoe und dem 1.967 m hohen Mount Tongariro. Um spätestens 17 Uhr mussten wir das Ende des Wanderweges auf 800 m erreicht haben, um den letzten Busshuttle zurück zu unserer Unterkunft zu bekommen. Etwas mehr als 10 Stunden sollten uns wohl genügen.

Kalter Start
Kalt war es zu Beginn, die Wolken hingen tief und der Weg verlief recht flach. Doch Meter um Meter, die wir vorwärts kamen, bahnte sich auch die Sonne ihren Weg durch die Wolken und machte den Blick auf die Gipfel frei. Wie an einer Perlenschnur reihte sich am Anfang Wanderer an Wanderer. Denn an diesem Montag waren natürlich nicht nur die "Montagswanderer", sondern auch alle Wanderer unterwegs, deren Tour am Sonntag gecancelt wurde. Neben wirklich gut ausgestatteten Läufern sahen wir Familien mit 5-jährigen Kleinkindern, Girls mit Freizeitschuhen und Hotpans, rot verbrannte Gesichter und viele Übergewichtige, deren Kräfte scheinbar am Ende waren.

Schicksalsberg Ngauruhoe
Wir (Horst, Anna und ich zuzüglich unserer Reisebekanntschaft Katrin und Lena) waren bestens mit Kleidung, Schuhwerk, Wasser und Verpflegung ausgestattet und kamen gut voran. Die erste Steigung auf 1.650 m hatte es ganz schön in sich. Zudem wurde es wärmer und wärmer. Am südlichen Krater oben angekommen blies uns allerdings ein eiskalter Wind ins Gesicht, sodass wir die Jacken schnell wieder anzogen. Von hier aus hatte man die Möglichkeit auf den Kraterrand des Bilderbuchkegels vom Ngauruhoe - dem Schicksalsberg aus "Herr der Ringe" - zu klettern. Drei zusätzliche Stunden wurden laut Wegweiser für den Hin- und Rückweg dafür veranschlagt. Wir sahen einige "Bergziegen" sich auf scheinbar senkrecht steigendem Gerölluntergrund nach oben kämpfen und beschlossen darauf zu verzichten. Stattdessen nahmen Anna, Katrin und Lena noch die 1,5 km auf den Gipfel des Tongariro in Kauf, während Horst und ich schon den Abstieg angingen.

Roter Krater
Jetzt kamen erst die Höhepunkte der Wanderung, der Rote Krater, Blue Lake und die Emerald Lakes. Am Roten Krater dampfte die Erde und die in allen höllenfarben gemusterten Steine waren so warm, dass man hätte meinen können, der vor uns liegende Schlot hätte sie in der Nacht zuvor ausgespuckt. Die smaragdfarbenen Seen, die sich dem Krater anschlossen, passten so gar nicht in die sonst wüstenähnliche Landschaft. Ein Kunstkritiker hätte diesem Naturbild wahrscheinlich ein vernichtendes Urteil gegeben, doch wir waren einfach nur begeistert und konnten uns kaum vom Anblick lösen.
Blue Lake
Emerald Lakes

Wir hatten noch nicht einmal die Hälfte der Strecke hinter uns und das Ziel den Busshuttle um 16 Uhr zu erreichen. Also, ging es nach einer ordentlichen Stärkung weiter über Stock und Stein, mal an einem Seil steil nach oben, mal in Stein gehauene Treppen nach unten. Mal lag noch Schnee und pfiff der Wind so eiskalt, dass wir alle Jacken anziehen mussten, mal schien die Sonne so heiß, dass wir in T-Shirt und kurzer Hose rumliefen. Und dabei hatten wir an diesem Tag noch Glück, denn es war klar und stürmte nicht, wie sonst sehr häufig.

Auf halber Wegstrecke nach unten hatten uns die Mädels wieder eingeholt. Der ewig lange, weil gemächlich absteigende Pfad nach unten, nahm schier kein Ende. Wir hatten noch gefährliches Vulkangebiet zu durchqueren, in dem wir keine Rast machen durften, dann kam Buschland und hinter jeder Kurve vermuteten wir den erhofften Busparkplatz. Um 15:45 Uhr war es soweit: Geschafft! Und geschafft von neun Stunden Wanderung durch ein abenteuerliches Gebiet, aber äußerst zufrieden mit unserer Leistung ließen wir uns in die Sitze des Kleinbusses sinken und hingen gedanklich noch 1.000 m höher fest.


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