Samstag, 31. Januar 2015

Vom Gold- zum Schokorausch

Dunedin, die einstmals größte und reichste Stadt Neuseelands war unser nächstes Ziel auf der Rundreise. Wir hatten eine Backpacker Unterkunft mit einer sehr guten Bewertung in der Nähe von Port Chalmers, einer vorgelagerten großen Hafenstadt in der riesigen Naturbucht "Otago Harbour", an deren Ende Dunedin liegt, gebucht. Im BBH-Prospekt hieß es, man solle sich auf eine steile Anfahrt gefasst machen und würde, wenn man diese bewältigt habe, ein Zertifikat bekommen.
 
Wir fahren also die enge Küstenstraße hinter Port Chalmers entlang und kommen an kleinen Buchten vorbei. In der vierten Bucht weist uns ein Schild den Weg hinauf über eine tatsächlich steile Schotterpiste. Ich nehme Anlauf und bugsiere unser immerhin mit drei Menschen und Gepäck für ein halbes Jahr beladenes Auto senkrecht bergan. Die Räder drehen teilweise durch, doch das Gefährt bewegt sich Meter um Meter hinauf. Geschafft, oben angekommen, sehen wir ein einsames unscheinbares Haus, das unbewohnt erscheint. Wir umfahren es und parken schließlich auf einem freien Platz davor. Wir umlaufen es und finden schließlich die Eingangstür. Im Fenster steht ein Schild, welches uns willkommen heißt. Wir finden dort auch unsere Namen und ein paar Gummistiefel für regnerische Tage. Die Tür ist offen. Wir treten ein und finden uns in einer Art ausgebautem Schafstall wieder, der mit netten alten Möbeln und einem Kamin ausgestattet ist. Weiter geht's durch eine große Schwingtür in die geräumige und saubere Küche und dahinter durch einen Gang zu den Zimmern und Baderäumen. An unserem Dreibettzimmer hängt wiederum ein Schild mit unseren Namen. Der Blick aus dem Fenster auf die Bucht ist atemberaubend. Gerade fährt ein riesiger Tanker Richtung Hafen. Gut, dass wir vorher eingekauft haben, denn hier gibt es weit und breit nichts. Willkommen bei Billy Browns:-)

Aramoana Strand
Gelbaugenpinguin
Später kommen noch vier weitere Gäste und der Besitzer, Billy Brown, um cash die Gebühren zu kassieren, uns die Urkunde auszuhändigen und ein Schwätzchen mit uns zu halten. Er empfiehlt uns auch, am Abend noch bis zum Ende der Landzunge zu fahren und am Strand Ausschau nach Gelbaugenpinguinen zu halten. Diese besondere Spezies der Pinguine ist mit einer Gesamtpopulation von ca. 4.800 Tieren vom Aussterben bedroht und wird in den Regionen, wo sie brüten besonders geschützt. Mit 16 Grad ist es hier eher kühl und die Wolken sind unberechenbar. Mal sieht es nach Regen aus, mal nach einem schönen Sonnenuntergang. Wir bereiten uns eine leckere vegetarische Pie zu, verzehren sie und machen uns dann auf den Weg zum Aramoana (Weg des Meeres) Strand, dem Einfallstor zum Otago Harbour. Die Dämmerung setzt ein und außer uns sind noch ein paar Surfer und sechs weitere Menschen am langen Strand unterwegs. Wir sammeln schöne Muscheldeckel, die ich später zu Schmuck verarbeiten werde und lungern ein wenig um ein paar riesiges Felsbröcke herum. Wie aus dem Nichts, lässt sich auf einmal vor unseren Augen ein einsamer Gelbaugenpinguin von einer Welle an den Strand spülen, steht auf, schaut sich um und watschelt langsam aber zielstrebig Richtung Düne und dahinterliegender steiler Felswand. Völlig fasziniert schauen wir diesem etwa 60 cm großen Artgenossen hinterher. Oben auf der Düne angekommen, schaut er sich noch einmal um und verschwindet dann aus unserem Blickfeld. Wir warten noch auf weitere Exemplare, doch weit gefehlt. Mittlerweile wissen wir, welches Glück wir hatten, dass wir überhaupt einen zu Gesicht bekommen haben.

Otago Harbour
Der nächste Tag - es ist Samstag und Markttag in Dunedin - ist einer der wenigen strahlenden Sonnentage in der zweitsüdlichsten Großstadt der Welt (rund 120.000 Einwohner). Wir schlendern zunächst über den wunderbaren Wochenmarkt und lassen uns dazu hinreißen 1 Kilo Boysenberries - eine Mischung aus Him- und Brombeeren - zu kaufen. Billy empfahl uns den Besuch der Otago Pensinsula und erklärte uns die Punkte, die wir anschauen sollten. Das Larnach Castle, das einzige Schloss in Neuseeland, sparen wir uns, denn davon gibt es in Europa genug und zudem schönere. Wir sind an der einzigen Festlandkolonie der Königsalbatrosse, an Seebären und Pinguinen interessiert und fahren bis an die Spitze der Halbinsel. Leider müssen wir feststellen, dass clevere Farmer das touristische Interesse an den zuvor genannten Tieren zu barer Münze machen, indem sie Geld dafür verlangen, dass man ihr Land nur innerhalb einer geführten Tour betritt. Anders kommt man an die Tiere nicht heran. Auf der anderen Seite ist das wohl auch der Segen für die Tiere. Denn so bleiben sie geschützt und bewacht und kommen zum Brüten wieder. Wir entscheiden uns aufgrund der hohen Gebühren gegen die Albatrosse und für Kormorane, Pinguine und Seebären-Babies.

Mit Nature Wonders Wildlife fahren wir in achträdigen Amphibien-Fahrzeugen, eingekleidet mit einem speziellen Dreckschutzmantel durch die Prärie. Erster Halt ist auf einem Hügel, von dem man die ganze Halbinsel überblickt. Von da aus fahren wir an eine Steilküste, an der Kormorane ihre Jungvögel aufziehen. Weil es hier so steil ist, müssen die Jungen schnell das Fliegen lernen. Auch eine Methode, damit Kinder flügge werden;-) Die nächste Station ist eine Seebären-Kolonie mit einem Planschbecken für Seebären-Babies. Manche dieser sehr jungen Tiere sehen so aus, als wären sie erst ein paar Stunden alt. Wir können uns kaum loseisen von dem Anblick der herumtollenden Tiere. Doch unser Guide lockt einen nach dem anderen in einen verlassenen Bunker. Und dort hockt, scheinbar völlig unbeeindruckt von der menschlichen Beobachtung ein kleiner blauer Zwergpinguin. Der letzte Stopp ist oberhalb eines einsamen Strandes. Vor 13 Jahren hat das letzte Mal ein menschlicher Fuß diesen Strand betreten. Seitdem ist er Naturschutzgebiet und Brutstätte für Gelbaugen- und Zwergpinguine. Eine Art Brettertunnel führt uns näher an die Brutstätten an den Hängen des Strandes. Zum Hang hin sind einige verschlossene Fenster in den Tunnel eingelassen. Eins wird für uns geöffnet und es schaut uns neugierig ein in seinem Nest liegender Zwergpinguin entgegen. Er bewacht ein Küken und ist scheinbar für ein wenig Abwechslung dankbar, denn als das Fenster wieder geschlossen werden soll, mag er seinen Schnabel nicht einziehen. Später sehen Anna und ich noch einen Gelbaugenpinguin in der "Flugsandbucht" eine steile Düne hinaufwatscheln. Überwältigt und beeindruckt sinken wir bei Billy Browns in die nostalgischen Sessel und hören noch ein paar alte Schallplatten bevor unsere Betten rufen.





Baldwin Street
Am nächsten Tag steht die Weiterfahrt zu den nahegelegenen Catlins an. Doch zuvor wollen wir uns Dunedin anschauen. Heute ist wahrscheinlich der heißeste Tag in dieser Region in diesem Sommer. Die Sonne strahlt uns von einem makellos blauen Himmel entgegen und das Thermometer klettert schnell über 25 Grad. Wir fahren zunächst zur Baldwin Street, die es als steilste Straße der Welt ins Guiness Buch der Weltrekorde geschafft hat, und laufen diese hoch und runter. Die Straße wurde mit Betonplatten gepflastert, da Asphalt wegen des starken Gefälles (35 %) abrutschen würde. Wir können uns so gerade auf den Füßen halten.

Bahnhof in Dunedin
Anschließend parken wir auf einer geraden Straße in der Innenstadt und erkunden diese zu Fuß. Neben dem meistfotografierten Gebäude Neuseelands, dem im flämischen Stil erbauten Bahnhof, sind das Octagon, ein Platz im Zentrum, und das Universitätsgebäude die bekanntesten Sehenswürdigkeiten. Seinen Reichtum hatte Dunedin in seiner Blütezeit zwischen 1861 - dem ersten Goldfund und dem folgenden Otago-Goldrausch - und der Jahundertwende. 1869 wurde die University of Otago, als die erste Universität Neuseelands ebenfalls in Dunedin gegründet. Der erste Studienjahrgang startete 1871 mit nur drei Professoren und 81 Studenten. Als allererste Universität im gesamten Britischen Empire wurden auch Frauen zu allen Fächern zugelassen. Wir geben uns statt dem Gold- dem Schokorausch hin und besuchen die Schokoladenproduktion bei Cadbury - quasi die englischsprachige Alternative zu Milka. Der Eingang sieht eher nach einer Goldmine aus, da dort jede Menge Schokoriegel in goldener Verpackung aufgehäuft sind. Weil Sonntag ist und die Produktion stillsteht, schauen wir uns nur das kleine Schokoladenmuseum an, das im Vergleich zum Stollwerk-Schokomuseum in Köln winzig erscheint, und erhalten mit der Eintrittskarte pro Person auch noch eine Variation des Schokoriegel-Angebots. Mit dieser Wegzehrung bewaffnet treten wir den Weg in die absolute Einsamkeit, in die Catlins an. Doch davon mehr im nächsten Post.


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