Unsere kleine Farm - another cultural wwoofing experience

Mini Rosa in Rakaia, so lautet unsere nächste Anlaufstelle. Wir werden am 31. Januar bis 14 Uhr auf der kleinen Farm von der 70-jährigen Honey erwartet, um eine weitere kulturelle Wwoofing-Erfahrung zu sammeln. Das bedeutet, wir unterstützen Honey bei ihrer Arbeit auf der Farm und werden dafür von ihr verköstigt und bei ihr untergebracht.

Horst ist erstaunt, als er sich am Telefon von Honey die Wegbeschreibung geben lässt. Sie klingt so jung, sagt er. Und so wirkt sie auch, als sie uns in Empfang nimmt. Uns begegnet eine lebenslustige, herzliche, grauhaarige Dame, die durch die tägliche Arbeit an der frischen Luft eine gesunde Gesichtsfarbe hat. Die Unterkunft wirkt dagegen dürftig. Honey wohnt in einer umgebauten Schafscheune, die jedoch lange nicht den romantischen Touch unserer Scheunen hat. Auf dem bloßen Estrich liegen zusammengewürfelte Teppiche, der Wohnbereich ist zugleich Küche, die aus zusammengewürfelten Schränken und Kochgelegenheiten besteht. Ein Tisch ist nur mit den Gerätschaften zum Käse produzieren bestückt und wir werden gleich daraufhin gewiesen, dass dieser Tisch für uns tabu ist. Ansonsten können wir alles nutzen. Unser Schlafzimmer ist einfach, aber freundlich und mit einem bequemen Bett ausgestattet. Als kleine Terrasse dienen Paletten und wenn man auf einem der Plastikstühle Platz nehmen will, muss man aufpassen, dass die Stuhlbeine genau auf dem Holz und nicht in den Zwischenräumen versinken. Im benachbarten Wohnhaus leben Honeys Tochter, Gretchen, mit ihrem Mann und drei Töchtern. Sehr einladend sieht auch dieses Haus nicht gerade aus, denn es wird im Inneren umgebaut.


Doch die Herzlichkeit der Familie macht alles wett. Wir werden direkt nach unserer Ankunft über die Farm geführt. Viele Obstbäume, ein Gewächshaus mit Salat und Tomaten sowie einige Gemüsebeete gedeihen dank des guten Komposts prächtig. Neben der Milchkuh mit dem schönen Namen Strawberry gibt es noch ihre drei Kuhkinder. Zwei der Töchter sind bereits schwanger und ein Jungbulle wird bald zu Beef verarbeitet. Auf der Weide nebenan grasen friedlich rund 20 Schafe und daneben zwei Zwergponys. Auf einem weitläufigen Gelände mit drei verschiedenen Ställen picken ca. 15 Hühner verschiedener Rassen Körner, Würmer, Küchenabfälle und Gras. Sie teilen sich das Gehege friedlich mit fünf Enten. In einem der Hühnerställe erwartet uns unsere Aufgabe. Doch nicht am gleichen Nachmittag, denn es sind für Neuseeland ungewöhnliche 31 Grad. Während Honey zu einem Arzttermin fährt, sollen wir uns einrichten und mit dem Hund Sam vertraut machen.

Beim Abendessen erfahren wir, dass Honey mit ihrem Ex-Mann und den drei Kindern lange in Australien gelebt hat. Sie war schon Lehrerin, Köchin und nachdem sie mit ihrer Tochter nach Neuseeland zurückgekehrt ist, haben die beiden auf einer großen Milchfarm angeheuert, wo sie täglich fast 900 Kühe gemolken haben. Der Sohn des Milchbauern ist heute der Ehemann von Gretchen. Honey besaß ein tolles Haus im viktorianischen Stil in Christchurch. Da das Erdbeben jedoch schwere Risse hinterlassen hat und ihre Tochter gerne diese Farm kaufen wollte - Gretchen liebt ihre Tiere sehr - hat sie das Haus verkauft und mit dem Erlös die kleine Farm "Mini Rosa" mitfinanziert. Die Geschichte hat uns sehr beeindruckt.

Am nächsten Tag ist das Wetter umgeschlagen. Es ist sehr stürmisch, was in dieser Gegend nicht unüblich ist und die hohen Hecken zwischen den riesigen Grundstücken erklärt. Wir dürfen auch heute nicht draußen arbeiten, denn der böige Wind treibt immer wieder große Staubwolken durch die Gegend. Stattdessen bekommen wir einen Sack mit Walnüssen, die wir knacken, damit die Nüsse eingefriert werden können. Später begleiten wir Honey und die älteste Enkeltochter nach Ashburton, um ein paar Besorgungen zu machen. Am Abend wollen wir eigentlich nach Christchurch, um dem Ehemann von Gretchen, Jason, bei einem Pferderennen zuzuschauen. Er nimmt an nationalen Trabrennen teil. Doch es ist mittlerweile so ungemütlich und kalt geworden, dass wir das Rennen lieber im Fernsehen anschauen. Vorher fahren wir allerdings noch schnell ins örtlich Pub, um auf den Sieg von Jasons Pferd zu wetten. Nach einem gemeinsamen Abendessen mit Gretchen und den drei Mädchen wird der Fernseher angeworfen und wir feuern alle Jason und sein Pferd an. Am Anfang halten sie sich wacker, doch am Ende reicht es nur für Platz 6.

Am Samstagmorgen werden wir Zeugen, wie Strawberry gemolken wird. Laut Gretchen ist sie an diesem Tag etwas verkrampft. Sie redet ihr gut zu und streichelt sie unablässig, doch mehr als drei Liter werden es heute nicht. Sie kann bis zu 10 Liter Milch geben. Nach einem leckeren Frühstück mit selbst gemachtem Joghurt und Käse, eingemachten Früchten und frisch gelegten Eiern können wir endlich mit unserer eigentlichen Aufgabe beginnen: Das Winterquartier für die Hühner ausmisten, denn die Ratten hatten sich hier eingenistet, waren aber mittlerweile vernichtet. Doch zunächst müssen eine Ente von ihrem Nest vertrieben werden, auf dem sie seit Tagen auch ohne Eier hartnäckig brütet, der Kompost gelehrt und das Hühnergehege von der wild wuchernden Kamille befreit werden. Wir ackern ganz ordentlich bis Honey, die natürlich eifrig mit anpackt, zum Lunch aufruft. Anschließend fangen wir an den Bodenbelag des Stalls abzuschaufeln und mit der Schubkarre auf den Kompost zu fahren. Nach einer Stunde schickt uns Honey unter die Dusche, um uns anschließend zur Flussmündung des gigantischen Rakaia Rivers zu fahren, damit wir ein bisschen was von der Gegend sehen. Nach einem weiteren leckeren Abendessen bringen wir ihr Kniffel bei. Als ich vom Stuhl aufstehe, habe ich das Gefühl, dass ich mich am nächsten Tag gar nicht mehr bewegen kann.



Der heutige Sonntag ist unser letzter Tag bei Honey, denn ab Montag besucht sie einen einwöchigen "Käse-Herstell-Kursus" für Fortgeschrittene. Wider Erwarten haben sich meine Muskeln in der Nacht gut erholt und ich kann wieder zur Schaufel bzw. Schubkarre greifen. Denn Horst schaufelt den Mist aus dem Stall, während ich ihn in die Schubkarre lade und zum Kompost bringe. Nach rund 30 Schubkarrenladungen ist der Stall sauber. Honey überschlägt sich vor Dank und Freude und selbst das Federvieh scheint sich freudig gackernd bei uns zu bedanken. Mit einer Dose voller frisch gemachtem Frischkäse und der Aussage "Wenn Ihr das nächste Mal nach Neuseeland kommt, braucht Ihr nicht zu fragen, ob Ihr zu uns kommen dürft. Bitte kommt einfach!" Wir sind gerührt und verlassen ebenfalls strahlend und erfüllt die Mini Rosa.


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