Was das Leben in Neuseeland so lebenswert macht

Nun sind wir schon seit vier Wochen wieder in Deutschland. Rund 18.000 km liegen zwischen den Welten und es ist nicht nur die räumliche Distanz, die den Unterschied zwischen den Jahreszeiten und dem Leben in Deutschland und Neuseeland ausmacht, es sind auch andere Sicht- und Verhaltensweisen der Menschen. Das zeigt auch die Reaktionen der Neuseeländer auf das schreckliche Attentat vom 15.03.2019 in zwei Moscheen in Christchurch. In unserem vergleichenden Rückblick hatten wir 2015 nach unserem sechsmonatigen Aufenthalt schon einige Dinge beleuchtet. Welche Unterschiede uns dieses Mal aufgefallen sind, beschreibe ich hier.



"Drehe Dein Gesicht zur Sonne und die Schatten fallen hinter Dich.", lautet eine Weisheit der Maori. 

Und genau so fühlten wir uns auch dieses Mal wieder in Neuseeland. Mit dem Tag der Ankunft fiel alles ab, was uns vorher noch beschäftigt hatte, und eine große Ruhe trat ein. Die gesamten zwei Monate fühlten sich wie eine durchgehende Meditation an. Wir waren im HIER und JETZT an jedem Ort und zu jeder Zeit. Vielleicht ist das der Grund, dass ich so strahlend aussah und ein faltenfreies Gesicht hatte. Viele Menschen aus meinem Umfeld sagten zu unseren Fotos, dass sie mich noch nie so glücklich gesehen hätten.



"Zum Straßenfest unserer Nachbarn sind 38 Menschen aus 12 Nationen gekommen.", erzählen uns unsere Freunde Dianne und Chris Ward.

Dianne und Chris, die wir bei unserer ersten Neuseeland-Reise in 2002/2003 durch eine B'n'B-Übernachtung in Hokitika kennenlernten, sind im letzten Jahr in ein Neubaugebiet in der Nähe von Christchurch gezogen. Es ist ein schönes neues Haus, das sie nun in einem typischen Vorort bewohnen. Uns fällt auf, dass sich die Häuser in diesem Neubaugebiet nur wenig voneinander unterscheiden. Kein Wunder, denn es standen rund zehn verschiedene Musterhäuser zur Auswahl. Könnte man jedoch hinter die Wände schauen, würde man sich aufgrund der unterschiedlichen Innenausstattungen die Augen reiben. Beim Straßenfest, das Dianne und Chris organisiert haben, wird die kulturelle Vielfalt deutlich. Neben den Kiwis, die schon in der dritten oder vierten Generation in Neuseeland leben, sind es Amerikaner, Chinesen, Iraker, Europäer, Syrer und einige mehr, die sich hier angesiedelt haben. Sie wohnen gemischt durcheinander und nicht abgekapselt in "Little Italy" oder "Chinatown". Sie sind Handwerker, Ärzte, Juristen, Ingenieure, Lehrer ... und leben alle friedlich nebeneinander, weil sie sich in ihrer Andersartigkeit gegenseitig wertschätzen. Umso mehr trifft sie der terroristische Anschlag, dem genau dieses friedvolle Miteinander ein Dorn im Auge ist. Doch auch hier beweisen die Neuseeländer, wie sie zusammenstehen, indem sie beispielsweise ihren muslimischen Nachbarn anbieten, sie in der nächsten Zeit in der Öffentlichkeit zu begleiten.

"Ich liebe meine kleine Wohnung." erklärt uns Christine Gabrielle, die vor 10 Jahren aus Kanada nach Neuseeland immigrierte und seit letztem Jahr den neuseeländischen Pass hat.

Wir reiben uns verdutzt die Augen. Wie kann man so eine dunkle und kleine Souterrain-Wohnung, die sie sich farbenfreudig und mit frischen Blumen dekoriert eingerichtet hat, vor allem im Winter lieben? Christine wohnt in Mapua, rund 35 km von Nelson entfernt, wo sie auch arbeitet. Jeden Tag fährt sie 70 km hin und zurück. Und der Verkehr auf dieser Strecke hat in den letzten Jahren enorm zugenommen. Wenn es gut läuft ist sie in 45 Minuten an ihrem Arbeitsplatz. An schlechten Tagen braucht sie für die einfache Strecke 90 Minuten. "Nervt Dich die Fahrerei nicht?", fragen wir sie. Sie antwortet, wie es für Neuseeländer üblich ist: "Ich habe einen traumhaften Ausblick während meiner Fahrt und daran erfreue ich mich." Statt unserer deutschen Mecker-Kultur beherrschen die Kiwis die "Ich-mach-was-draus"-Kultur. Ob das der Kartenabknipser in der Bahn ist, ob das die "Stop & Go"-Menschen sind, die den Verkehr an Baustellen regeln, oder ob dass ein Ehepaar ist, das durch Fehlspekulationen ihr gespartes Vermögen verloren hat, sie alle nehmen ihre Situation nicht nur an, sie finden darin auch etwas Sinnvolles und Freudvolles für sich.

"Ich hatte ein tolles Haus im viktorianischen Stil. Doch ich wollte, dass sich meine Tochter ihren Traum erfüllen kann.", sagt Honey Andersen, unsere 70-jährige Wwoofing-Gastgeberin.

Alle Neuseeländer, die wir kennengelernt haben, können gut auf Besitztümer verzichten, weil ihnen etwas anderes wichtiger ist. Honey hat ihr tolles Haus gegen einen ehemaligen Schafstall eingetauscht, um ihrer Tochter den Wunsch einer kleinen Farm zu erfüllen. Und sie liebt es ebenfalls auf der Farm zu leben, ihren eigenen Käse zu produzieren und in der Nähe der Familie ihrer glücklichen Tochter zu sein. Chris und Dianne haben ihr Anwesen mit Meer- und Alpenblick in Hokitika gegen das Allerweltshaus im Neubaugebiet getauscht, um ebenfalls in der Nähe der Kinder und Enkelkinder zu leben. Das führt uns wieder einmal vor Augen, wie viele Menschen hier in Deutschland an ihren Besitztümern hängen und darüber die Wesentlichen Dinge im Leben, wie Beziehungen, Gesundheit und Lebensfreude vernachlässigen oder sogar vergessen.

"Ihr gehört natürlich zur Familie und seid herzlich willkommen." Mit diesen Worten wurden wir nicht nur einmal von Freunden und Verwandten unserer neuseeländischen Freunde oder Wwoofing-Gastgeber eingeladen.

Noch jetzt, wenn ich diese Zeilen schreibe, läuft mir ein wohliger Schauer durch den Körper. Wann sind wir das letzte Mal so vorbehaltlos von uns fremden Menschen begrüßt worden bzw. ist uns das überhaupt schon einmal widerfahren? Ob das an Heiligabend war, wo wir ganz selbstverständlich an der Familienfeier teilnehmen durften und uns zu keiner Sekunde fremd vorkamen. Ob das bei einem Freundeskreistreffen am zweiten Weihnachtsfeiertag war, wo sich jeder in der Runde mit dem vorstellen sollte, was sie oder ihn besonders macht. Oder ob das die Einladung zum Fernsehgucken in ein völlig unordentliches Wohnzimmer war. Wir fühlten uns tatsächlich, als würden wir schon immer dazugehören.

Wir werden uns diese mitmenschlichen Erlebnisse im Herzen bewahren und so vielen Menschen wie möglich davon erzählen. Vielleicht entzünden wir damit bei uns selbst und anderen ein paar Impulse für ein besseres Miteinander.

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